GEW Thüringen
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Es reicht! Erleuchtung für die Landesregierung!Bessere Arbeitsbedingungen für die Thüringer Horterzieher*innen!

Forderungen an den Arbeitgeber Land Thüringen und exemplarische Wortmeldungen von Horterzieher*innen - überreicht von der GEW Thüringen an Bildungsminister Helmut Holter auf der Kundgebung der Horterzieher*innen am 29.01.2020.

03.02.2020

Sehr geehrter Bildungsminister Holter,

stellvertretend für die Thüringer Landesregierung überreichen wir, die Thüringer Horterzieher*innen, unsere Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen – die wir übrigens für Selbstverständlichkeiten hielten, vor allem seitens eines öffentlichen Arbeitgebers wie dem Land Thüringen. Bitte nehmen Sie diese Forderungen mit in die Kabinettsberatungen, denn zur Verbesserung unserer schlechten Situation vor Ort braucht es gemeinsamer Anstrengungen des Bildungs-, Sozial- und nicht zuletzt des Finanzministeriums.

Verbessern Sie unsere Arbeitsbedingungen!

Um es deutlich zu formulieren: Wir sind die letzte pädagogische Reserve, die die Grundschule noch hat, und wir brauchen bessere Bedingungen:

  1. Mehr Zeit für jedes einzelne Kind!
     
  2. Bessere Unterstützung bei Inklusion!
     
  3. Mindestens 80 Prozent Beschäftigungsumfang, im besten Fall Vollbeschäftigung!

Hintergründe, die Ihnen bekannt sein sollten

Viele Horterzieher*innen in Thüringen sind frustriert und am Ende ihrer Kräfte: die Gruppengrößen sind mit mehr als 25 Kindern dauerhaft zu hoch, wird ein*e Kolleg*in krank, steigt die Zahl häufig auf über 30 Kinder. Zudem endet die inklusionspädagogische Betreuung mit dem Unterricht, was mit dem zu hohen Betreuungsschlüssel eine zusätzliche Belastung darstellt. Es wird dadurch immer schwieriger, den Anspruch an hohe pädagogische Qualität zu erfüllen. Immer noch arbeiten viele Horterzieher*innen mit einem Beschäftigungsumfang von 65 Prozent, viele wünschen sich aber mehr und zwar dauerhaft. Zunehmend findet sich immer weniger qualifiziertes Personal, da die geringen Beschäftigungsumfänge nicht attraktiv sind und Altersarmut befürchten lassen.

Freundliche und erwartungsvolle Grüße

die Thüringer Horterzieher*innen
vertreten durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Exemplarische Wortmeldungen von Horterzieher*innen:

Beispiel 1
„Seit Jahren reden wir über Inklusion und das es doch ganz einfach ist. Natürlich ist es ganz einfach, wenn ich das Personal dafür habe.

Momentan sind die Stunden für die Rhythmisierung des Schulvormittags sehr begrenzt oder fallen häufig aus, da fehlende Kollegen*innen ersetzt oder vertreten werden müssen ( da spreche ich nicht nur von mal einer Stunde früher den Dienst anzutreten, es sind Stunden für den Frühdienst, den Spätdienst oder die Schwimmbegleitung) und dann soll auch der  Unterrichtsausfall abgefangen werden.“

Christiane Gräbenteich
Beispiel 2
„Ich arbeite als Erzieherin in einer Grundschule des Schulamtsbereiches Westthüringen. Unser Ziel ist es, die Freizeit der Kinder unter Berücksichtigung des TBP bis 18 zu gestalten, ihnen interessante Angebote zu unterbreiten, sie in ihrer sozialen Entwicklung voranzubringen.

Die Realität sieht leider anders aus. Leider fehlen dazu häufig die räumlichen Voraussetzungen. Der Unterrichtsraum als überwiegend formaler Bildungsort ist oft auch Gruppenraum für den Nachmittag als informellen Bildungsort. Wir Erzieher schaffen eine „Verwandlung“ aus Zeit- und Platzgründen nicht. Tolle Bauwerke der Kinder und kreative Ideen müssen im Schrank oder der Schublade verschwinden. Lohnt es sich, dass ich noch etwas anfange?....lesen wir öfter in den Gesichtern der Kinder. Das ist nicht Ziel der Arbeit der als Erzieher*innen Tätigen!!! Aus Platzgründen und Personalnot müssen Angebote oft gestrichen und die Kinder auf dem Hof betreut werden. Das ist nicht hinnehmbar! So darf unsere Arbeit nicht aussehen!

Nun zu uns selbst, den in den Horten tätigen Pädagogen. Für die Berechnung des Stundenbedarfes werden Zahlen in ein Computer-Programm eingegeben, ohne dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen zusätzliche Berücksichtigung finden. Außerdem betreuen wir auch Kinder, die nicht im Hort angemeldet sind bei Unterrichtsausfall, Stundenkürzungen oder vor allem in ländlichen Regionen bei Zwischenzeiten bis zur Busabfahrt. So kommt eine zusätzliche Betreuungszeit zustande, die in keine Berechnung einfließt. Alles muss mit dem vorhandenen Personal abgedeckt werden. Das muss sich ändern!“

Bärbel Weber
Beispiel 3
„Ich wünsche mir von euch endlich mehr Ruhe und Stetigkeit in der Schule. Jedes Jahr kommen neue Anordnungen, die umgesetzt werden müssen. Die Hoko werden am Anfang des Schuljahres mit Aufgaben überschüttet, die einfach unmöglich sind und an die Substanz gehen. Zu Beginn eines jeden Schuljahres gibt es soviel zu tun an Planung und Koordination, da braucht man nicht noch die ganzen bürokratischen Anordnungen von "oben".

Außerdem wünsche ich mir, dass Erfurt endlich neue Schulen baut bzw. die alten schneller und gut ausbaut! Unsere Horträume (ich arbeite an der Moritzschule in EF) werden wegen Unterricht und AG immer mehr beschnitten. Und wir fühlen uns damit immer weniger wohl. Wir brauchen also jemanden in der Landesregierung und in der Stadt, der sich dieser Problematik annimmt. Mehr Stunden möchte ich nicht mehr. Im Gegenteil, ich würde gern früher aufhören, da der Lärm und die Anforderungen mit so vielen Kindern im Hort manchmal unerträglich sind. Manchem Schreibtisch-Beamten wünsche ich mal eine Zeit undercover zu arbeiten - und zwar zu den gleichen Bedingungen wie wir!!!

Ergänzend möchte ich noch zwei Anmerkungen machen : Ich wünsche mir mehr Sauberkeit am Arbeitsplatz. Das heißt, öfter mal eine Grundreinigung der Räume und vor allem auch im Erzieherzimmer. Außerdem wünsche ich mir zeitgemäße sanitäre Grundausstattung wie Tücher und Seife usw. Es kann nicht sein, dass man Hustenanfälle bekommt, weil der Staub die Lunge reizt - wohlgemerkt als Nichtraucher. Außerdem habe ich bei einer Reha gesehen, was möglich gemacht wird bei 300 Personen. Da wurde alles (wirklich alles von oben bis unten) gereinigt. Sind Kinder und Pädagogen weniger wert? Denkt endlich da oben um und gönnt uns den Luxus und schickt uns mehr Reinigungspersonal bzw. diese Leute auch zu besseren Bedingungen! Bitte diese Nachricht an zuständige Stellen senden! Beste Grüße und Danke, dass wir Erzieher von euch bedacht werden. Beste Grüße Gabi Marquardt“
Beispiel 4
„Ich schreibe stellvertretend für meine Erzieher der Vogteischule. Wünsche haben wir viele!

Der Beschäftigungsumfang muss unbedingt für Erzieherinnen, die das möchten, erhöht werden. Viele junge Erzieher wählen eher die Kita zum arbeiten als die Schule, weil einfach der Stundenumfang höher ist. Bei dem Lehrermangel könnten aber Erzieherinnen , wie in einer Ganztagsschule, im Unterricht als Zweitbesetzung sein , um den Kindern mit Förderbedarf Hilfestellung zu geben. Leider erhöht sich die Zahl dieser Kinder stetig. Kleine Klassen und Hortgruppen sind Grundvoraussetzung, bei einer 100%igen Hortauslastung. Leider fehlt es ebenfalls an ausreichend Personal. Es muss eine klare Regelung her......wie viele Kinder in einer Gruppe kommen auf 1 Erzieherin.

Warum macht man die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Erzieherinnen so schwer. Warum darf es keine gemeinsamen Klassenfahrten mehr geben? Warum haben die Erzieher immer das Gefühl nur der Anhang zu sein? Ein Arbeitgeber, gleiche Bedingungen und Rechte! Die Schulen müssen modernisiert werden! Räume, die die Lautstärke reduzieren, Schulhöfe, die Unfälle vermeiden, Sonnenschutzrollos gegen die absolut überhitzten Räume im Sommer...…..etc.

Wo sind kostenlose Präventionsangebote vom Arbeitgeber? Der bürokratische Druck auf die Hortkoordinatoren nimmt jedes Jahr stätig zu. Ich wünsche mir eine Anerkennung meiner Arbeit als Hortkoordinator. Warum stehen dem Hoko keine Abminderungsstunden zu bei einem Alter von 55Jahren? Nur weil er an einer großen Schule arbeitet und weniger Betreuungszeit hat? Die Leistung, die ein Hortkoordinator im Büro leistet, ist oft unterschätzt.

Auch finanziell sollte man über eine Erhöhung nachdenken, je nach Schulgröße ein angepasstes Honorar für diese Tätigkeit. Der größte Wunsch jedoch ist es, ein offenes Ohr zu finden, wo man regelmäßig über Probleme reden kann, wo man Missstände unbürokratisch aus der Welt schafft und wo man mehr Eigenverantwortlichkeit bekommt. Uns allen nützt es nichts, wenn man uns in der Praxis allein lässt. Kerstin Kieler“
Beispiel 5
„Seit Mai 2017 ist die Anzahl der an unserer Schule beschäftigten Erzieher*innen, anfangs durch Abordnungen, dann durch Versetzung und seit Februar 2018 krankheitsbedingt, reduziert. Über einen längeren Zeitraum arbeiteten wir mit drei Erzieherinnen weiter, wo wir vorher mit vier Kolleginnen eine ordentliche und anspruchsvolle Betreuung der Kinder gewährleisten konnten. Selbst mit drei Kolleginnen gaben wir unser Bestes, obwohl wir dadurch das Freizeitangebot für die Kinder schon sehr reduzieren mussten. Zur Zeit sieht die Situation allerdings so aus, dass wir uns im Moment immer häufiger nur zu zweit um 81 Kinder kümmern müssen. Damit zwingt man uns, weit über unsere Kräfte zu gehen. Wo bleibt da eine Verantwortlichkeit? Ich frage mich, ob wirklich erst etwas passieren muss, ehe eine vertretbare Lösung gefunden wird. So kann und so darf es nicht weitergehen. Das ist den Kindern, den Eltern, uns und unserer Gesundheit gegenüber unverantwortlich.“
Beispiel 6
„An unserer Grundschule lernen 200 Kinder, von denen 186 im Hort angemeldet sind. Nur 11 Kinder besuchen den Hort bis zu 10 Stunden je Woche. Der Anteil der Buskinder ist verschwindend gering, so dass die Masse der Kinder viele Stunden im Hort verweilt.

In der Schülerschaft finden sich Kinder mit sonderpädagogischen Gutachten (insbesondere im emotional-sozialen Bereich), mit Migrationshintergrund und großen Lern- und Leistungsbeeinträchtigungen. Das vormittägliche Unterstützerangebot steht jedoch am Nachmittag nicht zur Verfügung und die Erzieher sind auf sich allein gestellt. Hinzu kommt die äußerst verschachtelte und weiträumige Lage der Gruppen- und Speiseräume.

Es liegt unseren Erziehern sehr am Herzen, für alle Kinder qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit auch nach dem Schulunterricht am Nachmittag im Hort zu leisten. Alle Erzieher sind stets hoch motiviert und bemüht, individuell auf unterschiedliche Interessen, Entwicklungsstände, Lernschwierigkeiten und Stärken der Schüler einzugehen. Die pädagogische Arbeit im Hort gestaltet sich zunehmend schwieriger, wodurch der erzieherische Auftrag leidet. Die Probleme entstehen durch die Unterbesetzung der Erzieher und hierbei vor allem durch die geringe Anzahl an Arbeitswochen-stunden einzelner Kolleginnen.

Aus unserer Sicht ist es unmöglich, die Anzahl der Kinder durch die Anzahl der Erzieher zu teilen, denn im täglichen Ablauf regelt sich die Aufteilung der Kinder ganz anders. Frühdienst ab 06.00 Uhr, aufnehmen aller Kinder in der Stoßzeit nach Unterrichtsschluss und während der Mittagsversorgung, aufwendige Abholdienste, Hausaufgabenbetreuung,... „verbrauchen" einen großen Anteil der zugewiesenen Horterzieherstunden.

Die Erzieher werden dringend im Schulvormittag benötigt, denn Integration und Inklusion kann nur mit ausreichendem Personal bewältigt werden. In den Stunden der Schuleingangsphase ist eine Zweitbesetzung durch Horterzieher dringend angeraten. Optimales Lernen im Anfangsunterricht ist bei der differenzierten Lernausgangslage nur durch Unterstützung möglich.

Die Erzieher beteiligen sich an Wandertagen und sind bei Projektwochen der Schule ganztags im Einsatz. Anfallende Mehrarbeitsstunden können durch Freizeitausgleich nicht gewährleistet werden. Hinzu kommt die Feriengestaltung mit einer täglichen Betreuungszeit von 10 Stunden. Der Einsatz von Erziehern mit 60% Beschäftigungsumfang stellt uns so vor kaum lösbare Probleme.

Wir denken hier vor allem auch an die Gesunderhaltung unserer Kollegen, denen in den Ferien Urlaub zu gewähren ist. Bei den hohen Anmeldezahlen im Ferienhort ist dies fast unmöglich.

Die Personalentwicklung im Hort ist für uns oftmals nicht nachvollziehbar, z. B.:
  • Eine Kollegin wechselt die Einrichtung und nimmt die 80%-Stelle mit.
  • Die Erziehungsurlaubsvertretung wird von 80% auf 60% herabgestuft, da die junge Mutter während ihres Erziehungsurlaubs mit 50% verkürzt arbeiten möchte.
  • Frau X. ist mit 30 Stunden an unserer Schule beschäftigt. Trotz mündlicher Zusage durch das Schulamt und mehrfach wiederholter Nachfragen ist es Frau X und der Schulleitung nicht gelungen, die 2 Stunden bis zur „Vollbeschäftigung mit 80%" zu bekommen!! Das müsste doch möglich sein!
  • Im Krankheitsfall müssen die Hausaufgaben häufig gestrichen werden und es kann oft nur noch die Aufsicht gewährleistet werden.
Der Hort darf nicht zur Massenbetreuung werden! Die Mangelverwaltung ist nicht unsere Aufgabe! Wir wollen den Erwartungen der Kinder und der Eltern gerecht werden und unseren pädagogischen Auftrag mit Freude erfüllen.

In den vergangenen Jahren haben wir oft selbst für Personal im Hort erfolgreich Ausschau gehalten. Nun gelingt uns das nicht mehr, denn mit einem Einstieg mit 60% in der vorgesehenen Entgelteingruppierung wird sich zukünftig kein Erzieher mehr für den Grundschulhort entscheiden. Die personelle Ausstattung der Horte wird ein Problem bleiben!“