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GEW in Bildung unterwegsBerufliche Bildung zukunftsfähig gestalten

Personalmangel, Investitionsstau, nicht zeitgemäße Ausstattung: Die Probleme, mit denen viele Schulen zu kämpfen haben, machen auch vor der beruflichen Bildung nicht halt. GEW-Chefin Marlis Tepe hat sich jetzt in Bremen einen Eindruck verschafft.

15.11.2019 - Anne-Katrin Wehrmann

Eine Schule, die allgemeine und berufliche Bildung an einem Standort vereint – es ist ein nicht sehr weit verbreitetes Modell, das sich Marlis Tepe da im Rahmen ihrer bundesweiten Tour „GEW in Bildung unterwegs“ am Schulzentrum Rübekamp in Bremen angesehen hat. Aber eines, das gut funktioniert. Gymnasiale Oberstufe sowie Berufsbildende Schulen für das Nahrungsgewerbe in Teilzeit und Vollzeit unter einem Dach: „Aus meiner Sicht ist das ein absolutes Erfolgsmodell“, machte Schulleiter Börje Horn beim Besuch der GEW-Vorsitzenden deutlich. „Auf dem Schulhof kommen klassische Abiturienten mit klassischen Azubis zusammen, und auch zwischen den Kolleginnen und Kollegen gibt es viele Gespräche.“ Ihm liege es sehr am Herzen, seine Schüler zu guten Staatsbürgern auszubilden, und gerade auch bei der Demokratiebildung ließen sich die unterschiedlichen Schulformen gut miteinander verknüpfen. Insgesamt sehe er viele Vorteile für größere Standorte: „Wir können Synergien nutzen, flexibler handeln und haben ganz andere Möglichkeiten, Schwerpunkte zu setzen.“ Seine Schule habe sich in der Vergangenheit einen guten Ruf erarbeitet und daher keine großen Probleme, genügend grundständig ausgebildete Lehrkräfte zu gewinnen, berichtete Horn.

„Wir müssen diesen jungen Leuten helfen, weil sie aus sich selbst heraus die Möglichkeiten nicht haben und ihnen die Grundvoraussetzungen für die berufliche Eingliederung fehlen.“

Und doch wurde in der anschließenden Pausenkonferenz, in der Marlis Tepe das Kollegium nach aktuellen Sorgen und Nöten befragte, klar: Trotz der vergleichsweise komfortablen Gesamtsituation bleibt auch das Schulzentrum Rübekamp nicht von den Herausforderungen verschont, vor denen derzeit das gesamte Bildungssystem steht. Zu große Lerngruppen, zu wenig sozialpädagogische und psychologische Fachkräfte, zu wenig multiprofessionelle Teams – dabei hätten gerade Schulen in prekär geprägten Stadtteilen wie hier besonders viel personelle Unterstützung nötig, hieß es. „Die Schülerinnen und Schüler brauchen persönliche Ansprache bei Problemen, die oft im außerschulischen Bereich liegen, sich aber im Schulischen auswirken“, brachte es eine Kollegin auf den Punkt. „Wir müssen diesen jungen Leuten helfen, weil sie aus sich selbst heraus die Möglichkeiten nicht haben und ihnen die Grundvoraussetzungen für die berufliche Eingliederung fehlen.“

„Wir werden uns darum weiter dafür einsetzen, dass die Gelder aufgestockt werden und dauerhaft fließen.“ (Marlis Tepe)

Ein weiteres Problem, das sich offenbarte, ist die Ausstattung. In den Werksstätten sei immer irgendetwas kaputt, vernünftiger Unterricht manchmal kaum möglich. Und die versprochenen Mittel aus dem Digitalpakt reichten gerade einmal aus, um das Schulzentrum flächendeckend mit WLAN zu versorgen. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bildungsgewerkschaft zu genau diesem Thema. Die Berechnungen hatten ergeben, dass die Gelder aus dem Digitalpakt bei Weitem nicht ausreichen, um eine digitale Mindestausstattung der berufsbildenden und der allgemeinbildenden Schulen zu sichern. Statt der bis 2024 zugesagten Bundesmittel in Höhe von fünf Milliarden Euro liege der tatsächliche Bedarf bei insgesamt gut 21 Milliarden Euro, allein bei den berufsbildenden Schulen seien es gut 5,2 Milliarden Euro. „Wir werden uns darum weiter dafür einsetzen, dass die Gelder aufgestockt werden und dauerhaft fließen“, sagte Tepe.

„Die Verzahnung von beruflicher und allgemeiner Bildung entspricht dem von uns vertretenen Menschenbild.“ (Bernd Winkelmann)

Im Rahmen einer Umfrage der IG Metall Bremen hatten sich Bremer Auszubildende unter anderem dazu geäußert, wie sie den Berufsschul-Unterricht, die Ausstattung, die Räumlichkeiten und die Vernetzung der Schulen mit den Betrieben wahrnehmen. Das Ergebnis: Die Berufsschulen seien von den Qualitätsstandards heutiger Ausbildungsberufe abgehängt, was sich vor allem an den drei Handlungsschwerpunkten Kommunikation (zu wenig Austausch), Ausstattung (nicht zeitgemäß) und Lehrkräfte (Personalmangel) identifizieren lasse. „Die Anforderungen der Industrie verlagern sich, weg vom Wissen hin zum Erkennen von Prozessen“, erläuterte Volker Stahmann, Geschäftsführer der IG Metall Bremen. „Das stellt auch andere Anforderungen an die Ausbildung und damit an die Berufsschulen. Dafür müssen wir schnellstens eine Lösung finden.“ In der folgenden Diskussion wurde deutlich, dass es bisher nicht nur an zukunftsfähigen Konzepten für den Fortgang der Berufsbildung mangelt, sondern auch an einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung über dieses Thema.

„Das Modell hier bietet Chancen für junge Leute mit verschiedenen Leistungsniveaus, sich kennenzulernen und voneinander zu profitieren. Das ist gut so.“ (Marlis Tepe)

Bernd Winkelmann, Vorstandssprecher des GEW-Landesverbands Bremen forderte: „Wir müssen wieder über Bildung diskutieren. Wir müssen von der kompetenz- und standardorientierten Diskussion wegkommen und die Inhalte in den Mittelpunkt stellen. Der derzeit vorherrschende technokratische Ansatz bringt uns nicht weiter, er greift die Lebensrealität nicht hinreichend auf.“ Das Schulzentrum Rübekamp sei ein gutes Beispiel, wie es funktionieren könne: „Die Verzahnung von beruflicher und allgemeiner Bildung entspricht dem von uns vertretenen Menschenbild“, so Winkelmann. „Die Berufsschüler sollen für den Beruf fit gemacht werden, sich aber auch in ihrer Persönlichkeit entfalten und hinsichtlich der demokratischen Entwicklung der Gesellschaft mitbestimmen können.“ Diesen Gedanken nahm auch Marlis Tepe mit auf den Weg. „Das Modell hier bietet Chancen für junge Leute mit verschiedenen Leistungsniveaus, sich kennenzulernen und voneinander zu profitieren. Das ist gut so“, sagte die GEW-Vorsitzende. Auch hier sei allerdings nicht zu übersehen, dass an von Armut geprägten Standorten nach wie vor auch die Bildungsarmut eine große Herausforderung sei. Tepe: „Die Kolleginnen und Kollegen an diesen Schulen brauchen eine wesentlich bessere Ausstattung, um auch diese jungen Menschen mit besseren Chancen auf den Weg bringen zu können.“

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