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Digitale VeranstaltungAufruf zum Gedenken: 20. Jahrestag des Brandanschlags auf die Erfurter Synagoge

Am 20. April 2000, der als Hitlers Geburtstag für die rechte Szene ein zentrales Datum ist, verübten drei Neonazis einen Brandanschlag auf die Neue Synagoge in Erfurt. Gemeinsam rufen die Jüdische Landesgemeinde Thüringen, die Mobile Beratung in Thüringen - für Demokratie gegen Rechtsextremismus (MOBIT) und ezra – die Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen zum Gedenken in sozialen Netzwerken unter der Veranstaltung „Gegen jeden Antisemitismus – Online-Gedenken“ auf. Zusammen fordern sie ein breites Bekenntnis für ein aktives, sichtbares jüdischen Leben in Thüringen und entschlossenes Handeln gegen jede Form von Antisemitismus. Die GEW unterstützt diesen Aufruf.

17.04.2020 - DGB

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen in Bezug auf die Corona-Pandemie musste ein geplanter Mahngang durch die Erfurter Innenstadt, der die verschiedenen Formen von Antisemitismus thematisieren sollte, abgesagt werden. „Wir werden ein Online-Gedenken in sozialen Netzwerken starten, um an den Brandanschlag vor 20 Jahren zu erinnern. Wir freuen uns, wenn sich zahlreiche Einzelpersonen und Organisationen beteiligen“, rufen die Initiator*innen auf.

Am20.04.2020 ab 18:00 Uhr veröffentlichen mobit und ezra in der facebook-Veranstaltung „Gegen jeden Antisemitismus – Online-Gedenken“ verschiedene Video-Statements im Gedenken an den Brandanschlag.

Hier geht es zur facebook-Veranstaltung

Zu der Zeit, als die drei Neonazis zwei Molotowcocktails auf die Neue Synagoge warfen, befand sich im obersten Stockwerk des Gebäudes die Wohnung von Wolfgang Nossen, dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen. In der Gästewohnung war zudem ein Gastrabbiner untergebracht. Einer der Molotowcocktails verfehlte nur um einen halben Meter die Scheibe des Wohnzimmers. Reinhard Schramm, aktueller Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde, erklärt: „ Zu Hitlers Geburtstag sollte unsere Synagoge brennen. Es war Zufall, dass Herr Nossen, seine Ehefrau und der Rabbiner abwesend waren. Nachbarn löschten die Molotowcocktails. So wurde Personenschaden verhindert. Dennoch war der Schrecken groß. Es erschien uns unglaublich. Brennende Synagogen in der „Kristallnacht“ haben sich im jüdischen Bewusstsein als Vorstufe des Holocaust eingebrannt."

Eine Konsequenz aus dem Brandanschlag war im Jahr 2001 die Gründung von MOBIT. Bis heute unterstützt das Beratungsteam landesweit erfolgreich verschiedene Akteur*innen mit dem Ziel, eine demokratische, emanzipatorische Kultur vor Ort zu stärken, unterhält verschiedene Bildungsangebote und dokumentiert extrem rechte Aktivitäten in Thüringen wie auch antisemitische Vorfälle. Auch der Thüringen Monitor, der im Schwerpunkt rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Thüringen erfasst, ist im Jahr 2000 unter dem Eindruck des Brandanschlags auf die Erfurter Synagoge entstanden. Im aktuellen Bericht aus 2019 heißt es, dass immer mehr Menschen in Thüringen antisemitischen Thesen zustimmen.

„Antisemitismus findet sich in allen Teilen der Gesellschaft und nimmt zu. Aktuell zeigt sich das auch in der Verbreitung von antisemitischen Verschwörungstheorien durch beispielsweise die extreme Rechte in Thüringen im Zusammenhang mit Corona“, erklärt Romy Arnold, Projektleiterin von MOBIT. Sie mahnt, dass „antisemitische Einstellungen die Grundlage für den Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge waren. Diesen müssen wir uns in allen Bereichen der Gesellschaft entschieden entgegenstellen.“

Franz Zobel, Projektkoordinator der Thüringer Opferberatungsstelle ezra, ergänzt, „dass es Solidarität und konkrete Unterstützung nach antisemitischen Angriffen mit den Betroffenen braucht. Hierzu müssen die Forderungen insbesondere von jüdischen Gemeinden ernst genommen werden. Der Schutz von Synagogen, Räumen in denen sich Jüdinnen und Juden sicher fühlen sollten, gehört dazu. Genauso wie der Schutz im öffentlichen Raum.“ Der antisemitische und rassistische Terroranschlag in Halle im Oktober letzten Jahres, bei dem mindestens 60 Menschen in einer Synagoge gezielt getötet werden sollten, unterstreicht die Dringlichkeit der langjährigen Forderung der jüdischen Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen.

Neben dem Online-Gedenken sind noch weitere Veranstaltungen in Thüringen geplant, die über Antisemitismus aufklären sollen. Weitere Informationen dazu finden sich auf den Websites von ezra und Mobit.