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Als Gastdelegierte zum ersten Mal dabei - Ein Erfahrungsbericht

Alle vier Jahre findet der bundesweite Gewerkschaftstag unserer GEW statt. Er ist das höchste Beschlussgremium und entscheidend für die Richtung der Gewerkschaftsarbeit der kommenden Jahre. Ich durfte als Gastdelegierte zum ersten Mal daran teilnehmen und fasse meine Eindrücke hier zusammen.

31.05.2017 - Katja Nonn, Mitglied im Referat Erwachsenenbildung und berufliche Fort- und Weiterbildung und in der Projektgruppe „GEW aktiv mitgestalten“

Als ich vor einigen Wochen spontan gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, als Gastdelegierte zum Gewerkschaftstag zu fahren,war meine erste Reaktion: Ja, klar! Wenig später fragte ich mich dann aber: Was genau ist das eigentlich, was soll ich dort überhaupt und was sind eigentlich meine Aufgaben? Aus dem „Ja, klar!“ wurde ein„Oh je!“ Dass ich mir gar nicht so viel Stress hätte machen müssen,wurde mir spätestens auf der Hinfahrt klar. Doch ich will lieber der Reihe nach erzählen, wie ich die Zeit in Freiburg erlebt habe.  

  • Der Gewerkschaftstag das höchste Beschlussgremium der GEW.

In einem Rhythmus von vier Jahren treffen sich die Delegierten aller Landesverbände an wechselnden Orten und wählen unseren Hauptvorstand. Außerdem gibt es umfangreiche Beratungen über Anträge,welche richtungsweisend für unsere Arbeit sind. Dass dies nicht in einem oder zwei Tagen zu bewältigen ist, kann man sich vorstellen.Wir hatten in diesem Jahr 5 Tage Zeit und haben dennoch nicht alles geschafft. Das lag vor allem daran, dass es zu verschiedenen Anträgen großen Redebedarf gab. Auch die Kandidat*innen für den Hauptvorstand mussten den Delegierten Rede und Antwort stehen, was manchmal etwas länger dauerte. Es wurde kontrovers und konstruktiv diskutiert, was mir sehr gefallen hat. Dinge nicht einfach stehen zulassen, sondern auch Unangenehmes anzusprechen – genau so stelle ich mir Gewerkschaftsarbeit vor.

Dabei durften sogar wir Gastdelegierte das Wort ergreifen. In der Regel werden wir als Beobachter*innen eingeladen, die den Prozess der Wahlen und Abstimmungen kritisch begleiten sollen. Zudem können wir uns in Übereinstimmung mit dem Plenum auch zu Wort melden, Fragen stellen oder Diskussionen anstoßen. Ein Stimmrecht haben wir nicht. Darüber war ich aber für meinen ersten Gewerkschaftstag eher froh, denn das hätte ich als eine zu große Verantwortung für meine erst kurze Zeit in der GEWempfunden. Was ich sehr spannend fand, war die teilweise sehr harsche und direkte Kommentierung des Geschehens aus den Reihen der Gastdelegierten. Ich habe das als sehr positiv empfunden,denn es gab einen ständigen Austausch von ordentlichen und Gastdelegierten. Dadurch bekamen manche Debatten mehr Schärfe, die vielleicht sonst zu sehr auf Konsens gebügelt waren.Ein Beispiel hierfür sind die Ausführungen rundum Berufsverbote für Kolleg*innen nach dem sogenannten Radikalenerlass.Hier wurde der Diskussion um die Forderung nach Entschädigungen für unsere Mitglieder mehr Nachdruck verliehen. 

  • Was genau waren die Hauptthemen, die diskutiert wurden?

Ich kann die Stimmung und die Beschlusslage im Prinzip auf vier Begriffe eingrenzen: Digitalisierung, Inklusion, Bildungsgerechtigkeit und Solidarität. Die heftigsten Diskussionen wurden über den Bereich „Digitalisierung“ geführt. Beispielhaft dafür waren die Anfangsschwierigkeiten,das Plenum von einer neuen Abstimmungsmethodezu überzeugen. In diesem Jahr war es das erste Mal so,dass die Wahlen zum Hauptvorstand mittels technischer Abstimmungsgeräte durchgeführt wurden. Das sollte vor allem eine Zeitersparnis bringen und die Arbeit effizienter gestalten. Es gab große Vorbehalte dagegen, welche sich auch in späteren Diskussionen immer wiederfanden. Die Hauptkritik richtete sich vor allem aufden Punkt der Sicherheit solcher Methoden. Im Verlauf des Gewerkschaftstages wurde das immer wieder zum Thema, etwa wennüber mögliche Hacker-Angriffe auf Schüler*innen-Daten gesprochen wurde oder die Einflussnahme von Technologie-Firmen wie Microsoft auf die Unterrichtsinhalte. Diese Auseinandersetzungen zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen konnten nicht abschließend aufgelöst werden. Das sehe ich allerdings nicht als Manko an, denn das Thema ist sehr komplex. 

  • Beim Thema „Inklusion“ gingen die Diskussionen in verschiedene Richtungen:

Einig waren sich alle Delegierten, dass Inklusion im Prinzip wünschenswert sei. Jedoch wurde auch hier wieder klar: Es geht nicht ohne eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der Bildungseinrichtungen. Ansonsten „verkommt der gute Gedanke zur Farce“ (Zitat von mehreren Delegierten).

  • Bildungsgerechtigkeit

Das Thema, das mich am meisten selbst beschäftigt und betrifft, ist das der Bildungsgerechtigkeit. Die Forderung, wirklich allen Menschen umfangreiche Bildung zu ermöglichen und die Feststellung der Undurchlässigkeit unseres Bildungssystems waren die bestimmenden Strömungen in der Diskussion. Hier herrschte auch unter uns Delegierten keinerlei Dissens. Das hätte mich auch sehr verwundert, wenn ich ehrlich bin. Was ich in diesem Zusammenhang sehr gelungen fand, war eine Protestaktion der Jungen GEW am Auftaktabend. Während der Begrüßungsrede von Ministerpräsident Kretschmann „störten“ sie seine Ausführungen, indem sich mehrere Delegierte mit Bannern und Schildern vor der Bühne positionierten. Der Protest war insgesamt ruhig, aber wirkungsvoll, denn er hatte die breite Unterstützung des Publikums, welches mit Applaus, Zwischenrufen und Pfiffen auf die Problematik der Studiengebühren aufmerksam machte.

In Baden-Württemberg hatte die Landesregierung erst wenige Tage zuvor die Einführung von Studiengebühren für Nicht-EUAusländer*innen beschlossen. Eine Entscheidung, die mehrheitlich als „Einfallstor“ für weitere Studiengebühren betrachtet wird. Studiengebühren sind meiner Meinung nach allgemein abzulehnen, denn sie verfestigen die soziale Ungleichheit an den Hochschulen noch mehr. Diese Proteste spiegeln die Grundstimmung des gesamten Gewerkschaftstages wider, denn gleichzeitig zielen sie auf ein weiteres Thema: Solidarität.

Wir hatten auch verschiedene ausländische Gäste vor Ort, welche in der Bildungsinternationale zu unseren Partner*innen gehören. Vor allem die Kolleg*innen aus der Türkei erhielten großen Applaus sowie die Zusicherung unserer Unterstützung. Viele sind von Arbeitslosigkeit betroffen, nachdem die Regierung in ihrem Land ihnen Staatsfeindlichkeit oder sogar Terrorismus vorgeworfen hatte. Zu diesem Thema wurden auch Beschlüsse gefasst, etwa Erklärungen der Solidarität und Regelungen zur Zusammenarbeit mit Partneruniversitäten in der Türkei. 

  • Was kann ich also zusammenfassend schreiben?

Es waren sehr spannende 5 Tage, die mir einen tieferen Einblick in unsere Arbeit innerhalb der Gewerkschaft gegeben haben. Ich habe sehr spannende Menschen kennen gelernt, dank deren Einsatz ich keine Sorge habe, dass wir uns weiterhin für Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen können. Ich habe gelernt, dass Kontroversen besser sein können als Konsens, denn so entwickeln wir uns weiter. Und ich bin sehr froh, dass ich dabei sein durfte, denn mich hat dieses vielfältige Engagement in meinem persönlichen Einsatz für die GEW bestärkt. 

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