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Ach ja, da war noch was!

Wie durch die Überleitung der Horte in 8 Wochen alles wieder auf dem Stand von vor 8 Jahren ist.

13.12.2016 - Katrin Dreier-Lippmann, Referat Frühkindliche Bildung und Sozialpädagogik

„Frau Dreier, kann ich ein Seil?“ „Was genau? Essen, Werfen, Haben?“ „Frau Dreier, kann ich ein Seil haben?“ „Na klar, ich gebe dir eins.“ „Frau Dreier, der Olaf hat mich mit Sand beworfen.“ „Frau Dreier, wie viel Uhr ist es?“ „Frau Dreier, ich gehe mal auf Toilette.“ „Frau Dri-Dra-Dreieee­eer! Wann ist Wechsel auf der Schaukel?“

Frau Dri-Dra-Dreier, so rufen mich die Hortkinder an der Gemein­schaftsschule „An der Trießnitz“ in Jena. Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin und übe meinen Beruf mit Leidenschaft aus. Zurzeit ist meine Arbeit aber eher etwas, das Leiden schafft. Im August 2009 wurde ich von der Stadt Jena über das Modellprojekt „Weiterentwick­lung der Thüringer Grundschulen“ mit 24 Wochenstunden für den Hort eingestellt. Befristet für ein Schuljahr. Zweimal wurde mein Ver­trag verlängert, zuletzt bis zum Ende des Modellprojekts im Juli 2016. Da der Betreuungsbedarf hoch war, sind auch meine Wochenstunden auf 32 erhöht worden.

„Frau Dreier, Sandra hat mir den Eimer weggenommen.“

„Frau Dreier, Basti hat mich mit dem Seil gehauen.“ 

  • Ach ja, da war noch was.

Es ist Hofzeit im Hort und ich bin mit einer Lerngruppe der Schulein­gangsphase am Schaukel- und Sandspielplatz. Ich vertrete im Moment eine Kollegin, die eine Reha angetreten hat. Sie fällt für sechs Wochen aus. Die Erzieherin der Parallelgruppe ist gerade Kind-krank und so betreue ich ihre Gruppe gleich mal mit. Das sind 40 Kinder der 1. und 2. Klasse, davon sechs mit sonderpädagogischem Betreuungsbedarf (inklusive einem Kind im Rollstuhl). Ich stehe mit dieser anstrengenden Aufgabe nicht allein, denn wie es der Zufall will, ist eine weitere Erzie­herin zur Kur und meine Kollegin betreut ebenfalls gleich für mehrere Wochen zwei Gruppen. Geteiltes Leid ist halbes ... Naja. 

Vertretung aus anderen Horten (was zu Zeiten des Modellprojektes in der Regel kein Problem war) kann ich jetzt nicht erwarten. In den Hor­ten in Jena sieht es überall gleich aus. Zu wenig Personal obwohl der Bedarf da ist. Die Stellen, die durch die Überleitung frei geworden sind, werden vom Schulamt nicht neu besetzt. Statt sich nach den Betreu­ungsstunden aus dem THVPS zu richten, wie es die Verwaltungsvor­schrift vorsieht, wird überall das Maß des Betreuungsschlüssels von einem Erzieher zu 25 Kindern angelegt. Danach habe ich bei mir im Hort sogar Erzieherüberschuss. Achso!

Falls Stellen besetzt werden sollten, dann wird nur noch mit 50.% eingestellt. Davon kann keiner vernünftig leben. Ich hatte schon Kol­legen, die beim Amt aufstocken mussten oder abends einen Zweitjob gemacht haben. Soviel zur Aufwertung einer Berufsgruppe, die bitte die heranwachsende Generation bilden und fördern soll.

„Frau Dreier, ich habe die Aktualisierungsbögen in dein Fach gelegt. Und zur Dienstberatung müssen wir nochmal über die Mittagessen­situation sprechen.“ 

  • Ach ja, da war noch was.

Ich bin seit 5 Jahren Hortkoordinatorin. Eine genaue Aufgaben- oder Tätigkeitsbeschreibung gibt es dazu nicht. Ich kann aber eine Aufzäh­lung machen: Teamleitung, Verantwortung für pädagogische Weiter­entwicklung, Konzeptarbeit, Koordinierung mit Schulleitung, Kontakt zum Familienservice, Verwaltungsaufgaben, Ansprechperson für Eltern, Zusammenarbeit mit Schulelternvertretung, Dienstpläne schreiben, Kooperationen gestalten, Finanzen im Blick haben, Urlaubspläne ver­walten, Statistik führen, Dienstberatungen vorbereiten und durchfüh­ren, Honorarabrechnungen schreiben, Mitarbeitergespräche führen, … Und dann ist da noch die Hortgruppe zu betreuen.

Ich habe ein prima Team. Wir sind alle sehr gut ausgebildete Pädago­gen, da die Stadt Jena in den letzten Jahren das Fachkräftegebot sehr ernst genommen hat. Wir haben Aufgaben verteilen können und arbei­ten gut zusammen. In den Dienstberatungen schaue ich in motivierte Gesichter. Allerdings in welche mit tiefen Augenringen. Die zusätzli­che Belastung durch Ausfall von Kolleg*innen macht uns zu schaffen. Früh- und Spätdienste müssen vertreten werden, die Gruppen werden größer und keine Besserung in Sicht. Arbeitszeitverlagerung kann ich meinen Kolleg*innen nicht anbieten. Ich brauche sie am Nachmittag. Die Mehrarbeitsstunden sammeln sich an. Wann die mal abgebaut werden können? Ich weiß es nicht.

„Frau Dreier, schicken Sie bitte eine Erzieherin zur Aufsicht in die Lerngruppe 8. Die Lehrerin ist krank und ich habe keine Vertretung.“ 

  • Ach ja, da war noch was.

Nachdem wir während der Überleitung einiges haben einstecken müs­sen, waren wir nach den Sommerferien mit neuem Schwung dabei. Davon ist gerade nicht mehr viel übrig. Und es sind erst 8 Wochen ver­gangen. Vierzehn Tage vor Ablauf meines Arbeitsvertrags habe ich end­lich schwarz auf weiß den neuen Vertrag mit den Bedingungen für die Betriebsüberleitung zum Land in der Hand gehabt. Arbeitslos gemeldet war ich schon. Man wusste ja nicht, was noch alles passiert. Jetzt bin ich mit meinen Kolleg*innen beim Land und somit auch beim TV-L. Die­ser Tarifvertrag sieht in der E8 ein Gehalt für mich vor, das sich doch sehr von meinem Verdienst im TvöD SuE S8a unterscheidet. Mein Ver­lust im Bruttoeinkommen meiner Stufe und Steuerklasse beträgt 170 €. Das schmerzt bei einem auch so schon schlecht bezahlten Beruf. Zudem habe ich die Zulage für eine höherwertige Tätigkeit verloren. Diese hat mir die Stadt Jena aufgrund der Tätigkeit als Hortkoordinatorin gewährt. Das sind nochmal 110 € (vor Steuern) weniger. Die Zusatzversorgung beim Land ist gleich mal 30 € teurer. Also wird mir am Ende des Monats meine Arbeit mit rund 1300 € netto vergütet. Darf ich Frau Klaubert zitieren: „Es wird keiner schlechter gestellt werden.“ Ach so.

„Frau Dreier, haben wir heute den Nähkurs?“ 

  • Ach ja, da war noch was.

Wir setzen den Thüringer Bildungsplan um. Bei uns können die Hort­kinder am Nachmittag zwischen verschiedenen Angeboten wählen. Dabei findet jedes Kind etwas für seine Interessen. Wir sind Lern- und Bildungsort, wir fördern Sozial- und Selbstkompetenz, wir beobachten und dokumentieren unsere Arbeit mit Hilfe des Lotusplan.

Mit der Stadt Jena haben wir ein Konzept entwickelt, dass von uns jährlich an einem Klausurtag evaluiert wird. Die Stadt Jena hat mit uns Zielvereinbarungsgespräche geführt und die pädagogische Weiter­entwicklung der Horte gemeinsam mit den Erzieher*innen vorange­trieben. Acht Wochen sind nach der Überleitung vergangen. Das nun zuständige Schulamt hat noch nicht nach Konzepten gefragt, hat uns noch nichts zur Zusammenarbeit gesagt und nicht auf den Personal­mangel reagiert. Die Errungenschaft der Stelle einer Regionalkoordi­natorin während des Modellprojekts kann zwar weitergeführt werden, die Umsetzung funktioniert beim Land aber nicht. Da kann jemand mit noch so hohem Wissenstand um die Belange der Horte im Schulamt sein. Wenn auch gegenüber dieser Person nur mit dem Kopf geschüt­telt wird, geht jegliche gute Idee und hohe Motivation verloren.

„Frau Dreier, warum war gestern die Lesestube nicht geöffnet?“ 

  • Ach ja, da war noch was. 

Während des Modellprojekts konnte die Stadt Jena für die Horte Hono­rarkräfte einstellen, die durch unterschiedlichste Angebote am Nach­mittag den Lernort Hort bereichert hat. Zwar konnten wir für dieses Schuljahr noch die Verträge weiterführen, aber was danach kommt, wissen wir noch nicht. Gerade für die Ferienbetreuung sind wir auf zusätzliche Personen angewiesen. Die Stadt Jena hat über Honorar Erzieherschüler*innen im 2. und 3. Ausbildungsjahr eingestellt. So konnten wir zum einen gute Ferienangebote gestalten und zum ande­ren haben die Erzieherschüler*innen von den Praxiserfahrungen pro­fitiert. Warum wir in den Ferien Personal brauchen? Gute Frage. Mit den vorhandenen Stunden muss nicht „nur“ der Nachmittag abge­deckt werden, sondern der ganze Tag. Dazu kommt, dass wir auch in den Ferien ein attraktives Programm anbieten möchten. Ausflüge und Aktionen werden unter ein Motto gestellt. Und auch Erzieher*innen haben Urlaubstage. 

In diesen Herbstferien musste ein Hort in Jena eine Woche schließen, da eine Betreuung mit dem vorhandenen Personal nicht möglich war. Die zu betreuenden Kinder wurden auf die anderen Horte verteilt. Zum Beispiel bei uns.

„Frau Dreier, denken Sie bitte daran, dass morgen wieder Schwim­munterricht ist.“ 

  • Ach ja, da war noch was. 

Wir begleiten Schüler*innen zum Schwimmunterricht, nehmen aktiv daran teil und begleiten auch zu anderen Gelegenheiten die Klassen, zum Beispiel bei Exkursionen oder Klassenfahrten. Das machen wir gerne. Auch sonst unterstützen wir als weitere pädagogische Fachkraft im Unterricht. Wie lange noch? Ich weiß es nicht.

Wir sind eine Ganztagsschule. Eine offene Ganztagsschule. Das heißt, dass die Kinder nach dem Unterricht nach Hause gehen können oder im Hort betreut werden. Die Mittagspause von einer Stunde wird auch vom Hort betreut (aber nicht in die Betreuungsstunden eingerechnet). Na dann. Warum das jetzt Ganztagsschule ist? Einige Klassen haben an zwei Tagen bis 14.00 oder 15.00 Uhr Unterricht. Dann gibt es noch Arbeitsgemeinschaften von Lehrern bis ca. 15.00 Uhr. Das ist nicht die Form der Ganztagsbetreuung, die uns vorschwebt. Die Rhythmisierung ist damit nicht entzerrt. Die Unterrichtsstunden sind am Vormittag, Freizeitangebote und Entspannungsmöglichkeiten am Nachmittag. Die Politik will etwas anderes. Ich bitte um Umsetzung! 

Ohne Gesetzesgrundlage können noch so engagierte Lehrer*innen und Pädagog*innen die guten Ideen zu Ganztagsschule nicht umset­zen. Ganztagsschule ja, aber dann richtig!

Ich wollte diesen Beruf ausüben, um Kindern einen Weg zu zeigen in eine machbare Zukunft. Jetzt ist es ein machbarer Weg in den Burn­out für Erzieher*innen. 

Warum gibt es ein Modellprojekt zur Weiterentwicklung der Grund­schulen, wenn diese gute Weiterentwicklung nicht entsprechend wei­tergeführt wird? Ich finde das traurig.

Frau Klaubert, ich mache seit 01.08.2016 die gleiche gute Arbeit wie während des Modellprojekts bis zum 31.07.2016. Die Bedingungen sind härter, das Gehalt ist weniger, die Aufwertung ist weg. Die Gruppen sind größer, die Verhaltensauffälligkeiten häufiger, die krankheitsbedingten Ausfälle bei den Kolleg*innen höher. Das Verhalten von Kindern hat sich in den letzten acht Jahren verändert. Schwierige soziale und ökonomi­sche Bedingungen in Familien wirken sich auf Verhalten und Lernfähig­keit vieler Kinder aus. Wir spüren das und möchten gegensteuern. Dem muss Politik gerecht werden - aber nicht mit größeren Gruppen.

Unsere Schule wurde für vorbildliche Inklusion ausgezeichnet. Am Nach­mittag können mein Team und ich das kaum noch aufrechterhalten. Inklusion beinhaltet alles: Behinderung, Auffälligkeiten, Migration, Spra­chen, Religion, Gender. Das alles ist nicht mehr, wie eigentlich gewollt, unter einen Hut zu bringen mit der jetzigen Situation in den Horten.

Frau Klaubert, ich möchte gerne wissen, warum es der bisher sehr gute Bildungsraum Hort nicht wert ist, bewahrt und an veränderte Bedingungen angepasst zu werden? Für die, die davon profitieren: 

  • Ach ja, da war noch was! Kinder! 
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