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Sanierungsstau in BildungseinrichtungenAbschied von der Lernfabrik

Hunderte Schulgebäude in Deutschland sind marode; der Sanierungsbedarf ist groß. Gleichzeitig steigt aufgrund wachsender Schülerzahlen der Bedarf an Neubauten. Der Politik- und Schulberater Rainer Schweppe sieht darin auch eine Chance.

06.09.2019 - Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

  • E&W: Die meisten Schulen in Deutschland sind vor mehr als 100 Jahren oder in den 1970er-Jahren im Zuge der Bildungsexpansion gebaut worden. Sie sind reine Zweckbauten, die den Geist ihrer Zeit atmen: Lernfabriken für den 45-Minuten-Takt und Frontalunterricht. Der Schulunterricht hat sich mittlerweile aber geändert. Wie muss die Schularchitektur für diesen Unterricht aussehen?

Rainer Schweppe: Die Schulgebäude wurden früher ausschließlich für den Halbtagsunterricht gebaut: Am Vormittag sollte so viel Wissen wie möglich bzw. wie vorgeschrieben vermittelt werden. Für die Ganztagsschule, aber auch für die Inklusion und die Digitalisierung des Unterrichts braucht es ganz andere Konzepte. Das heißt, die Gebäude müssen völlig anders gestaltet und ausgestattet sein als die traditionellen „Flurschulen“. Sie müssen einen Unterricht ermöglichen, der auf Methodenvielfalt setzt, sie müssen eine flexible Raumnutzung zulassen, die auch Ruhe und Entspannungsmöglichkeiten bietet. Dazu benötigen Lehrerinnen und Lehrer bessere räumliche Arbeitsbedingungen, wenn sie längere Zeit in der Schule sind.

  • E&W: Lassen sich die bestehenden Schulgebäude problemlos umgestalten?

Schweppe: Grundsätzlich funktio-niert das. Das geht einerseits mit ganz einfachen Mitteln, beispielsweise einer anderen Raumzuordnung – verbunden mit einer neuen farblichen Gestaltung der Wände, Türen etc. Einen Kartenraum könnte man leicht zum Teamraum umwidmen. Mit etwas mehr Bauaufwand kann man aber auch in die Bausubstanz eingreifen und zum Beispiel Wände einreißen, um Platz zu schaffen und Flure pädagogisch nutzbar zu machen. Das bietet sich zum Beispiel dann an, wenn sowieso größere Sanierungsarbeiten anstehen.

  • E&W: Sie haben das Konzept Lernhausschule entwickelt und in Herford, München und Berlin umgesetzt. Was ist unter diesem zu verstehen?

Schweppe: Eine Schule besteht neben den Fachräumen aus mehreren Lernhäusern. In so einem Lernhaus gibt es keine herkömmlichen engen Klassenzimmer an Fluren, sondern offene, lichtdurchflutete Räume, die sich mit Differenzierungsräumen um ein Forum herum gruppieren und auch einen Teamraum beinhalten. Bauphysikalisch wird auf ein angenehmes Raumklima geachtet, also darauf, dass die Räume zum Beispiel im Sommer nicht überhitzen. Natürlich sind Räume wie bisher als Klassenzimmer nutzbar, aber eben flexibel, so dass auch mehr pädagogische Methoden als der Frontalunterricht möglich sind, etwa das Arbeiten in kleinen Lerngruppen. Die Lernhäuser verhindern zudem eine zu große Anonymität, wie man sie aus der traditionellen Schule mit 1.000 Schülern, 100 Lehrern und sich gleichenden Klassenzimmern kennt. Eine kleinere Gruppe von Lehrkräften ist im Lernhaus einige Jahre für eine kleinere Anzahl von Schülerinnen und Schülern da.

  • E&W: Wie nehmen die Lehrerinnen und Lehrer dieses Konzept an?

Schweppe: Die Erfahrungen und die Rückmeldungen sind positiv. Wichtig ist natürlich, dass die Beschäftigten von Anfang an bei der praktischen Arbeit und der Schulentwicklung unterstützt werden. Wichtig ist uns auch, dass sich sowohl Pädagoginnen und Pädagogen mit langjähriger Berufspraxis eingeladen fühlen, etwas Neues auszuprobieren, als auch Kolleginnen und Kollegen, die mit neuen Lehr- und Lernmethoden bereits vertraut sind, die dafür notwendigen räumlichen Bedingungen vorfinden. In Berlin hat sich auch die GEW in die Facharbeitsgruppe Schulraumqualität eingebracht und das Projekt unterstützt.

  • E&W: Die Schulbauverordnungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland; manche Länder haben

überhaupt keine Verordnungen mehr. Während die Länder überwiegend für das pädagogische Personal zuständig sind, fallen der Bau und die sachliche Ausstattung der Schulen in die Verantwortung der Kommunen. Hemmt diese Aufgabenverteilung den Schulneu- und -umbau?

Schweppe: Ja, das ist in der Tat ein Problem. Nordrhein-Westfalen (NRW) redet den Schulträgern beim Schulbau überhaupt nicht rein, dort gibt es eine Pauschale, die jährlich über die Gemeindefinanzierung ausgeschüttet wird. Damit sind Förderanträge nicht mehr nötig. Es fehlt hier allerdings ein pädagogisches Raumkonzept, wie es jetzt als erstes Bundesland Berlin hat. Andere Bundesländer fördern nach Mindeststandards – etwa bei der Raumgröße. Die Kommunen nutzen diese Freiräume ganz unterschiedlich. Herford in NRW und München in Bayern verfügen schon lange Zeit über bewährte eigene Raumstandards. Ich würde mir wünschen, dass die Kommunen beim Neubau wie dem Bestandsumbau eine neutrale überregionale Fachberatung in Anspruch nehmen könnten, die pädagogische und architektonische Aspekte verbindet. Der Bund und insbesondere die Länder sollten hier initiativ werden, damit pädagogische Ziele beim Schulbau überall Priorität haben.

  • E&W: Der Bedarf nach Schulneubau ist in den Kommunen unterschiedlich hoch. In Ballungsgebieten steigen die Schülerzahlen, anderswo sinken sie. Während etwa in Berlin Schulen in modularer Bauweise aus dem Boden gestampft werden sollen, müssen in anderen Orten Einrichtungen geschlossen werden. Da ist für innovative Lösungen kaum noch Platz, oder?

Schweppe: Ganz im Gegenteil. Wenn die Schülerzahlen zurückgehen, kann das sogar eine Chance sein. Man darf dann allerdings nicht der Versuchung verfallen, Schulen zurückzubauen, sondern sollte die vorhandenen Gebäude möglichst erhalten und das Mehr an Raum auch im Sinne von Ganztagsschule und Inklusion flexibel nutzbar machen.

  • E&W: Und bei steigenden Schülerzahlen?

Schweppe: Auch hier kommt es auf die richtige Architektur an. Städte wie Berlin können ja gar nicht anders, als ganz schnell viele neue Schulen zu bauen bzw. bestehende Einrichtungen rasch zu erweitern. Wenn man aber weiß, dass die „Notlösung“ zu einer Dauerlösung werden kann, die zehn oder mehr Jahre Bestand haben wird, dann muss man dies schon bei der Planung berücksichtigen. In Zuwachsregionen ist es auch aus wirtschaftlichen Gründen wichtig, schnell pädagogisch sinnvolle Schulgebäude zu errichten, damit weniger Übergangslösungen wie Container, Pavillons oder andere „mobile Bauten“ erforderlich sind. Typen- oder Modulbauten können dabei durchaus zeitgemäße adäquate Schulen sein, wenn sie für die pädagogische Nutzung konzipiert werden. Auch solche Bauten lassen sich als Lernhäuser konzipieren.

Rainer Schweppe (65) leitet in Berlin für die Senatsbildungsverwaltung als externer Berater die Facharbeitsgruppe Schulraumqualität. Davor hatte er in Herford und als Stadtschulrat in München ein neues Konzept für den Bau und Umbau von Schulen – das sogenannte Lernhauskonzept – entwickelt und umgesetzt, das Modellcharakter für andere Städte hat.

 

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