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7. GEW-Wissenschaftskonferenz eröffnet

Mit markigen Worten und persönlichen Einblicken hat Professorin Jutta Allmendinger gestern die 7. GEW-Wissenschaftskonferenz eröffnet.

10.10.2013 - Markus Hanisch

Fotos: Kay Herschelmann

"Wir müssen den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wieder mehr Zeit für Forschung geben", forderte Allmendinger. Für nichts weniger als eine Revolution sprach sich unterdessen HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz aus.

Gastgeber Andreas Keller machte den 160 Konferenzteilnehmenden gleich zur Eröffnung der 7. GEW-Wissenschaftskonferenz Mut. In den letzten drei Jahren seit Entstehung des Templiner Manifests 2010 habe sich in der politischen Debatte einiges verändert, betonte der für Hochschule und Forschung verantwortliche stellvertretende GEW-Vorsitzende. Während man damals für den Kampf gegen prekäre Arbeitsverhältnisse im deutschen Wissenschaftssystem noch belächelt wurde, verspürt Keller heute einen „Wind of Change“. Sogar CDU und CSU forderten in ihrem aktuellen Regierungsprogramm, die Befristungspraxis in den deutschen Hochschulen zu beenden, betonte Keller. Auch der Wissenschaftsrat setze sich inzwischen dafür ein, den Befristungsanteil unter den wissenschaftlichen Beschäftigten zu senken.

Diesen hehren Worten – „die wir gerne beim Wort nehmen“, so Keller – stehen allerdings ernüchternde Zahlen gegenüber. Das zeigt der neue Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, den Autorin Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz vorstellte. „Die Beschäftigungsverhältnisse in den Hochschulen sind in den letzten Jahren sogar noch schlechter geworden“, machte Burkhardt deutlich. So geht aus dem Bericht hervor, dass heute 89,7 Prozent der wissenschaftlichen Beschäftigten befristet angestellt sind. 44,9 Prozent haben nur eine Teilzeitstelle und 42,5 Prozent werden über Drittmittel finanziert. Lediglich 7,8 Prozent sind in einem Normalarbeitsverhältnis, das heißt unbefristet und Vollzeit beschäftigt.

Eine Ursache für die prekären Verhältnisse im Wissenschaftsbetrieb, da sind sich die versammelten Experten einig, liegt in der überbordenden Drittmittelfinanzierung, die auf Wettbewerb und höchste Flexibilität ausgelegt ist und eine verlässliche öffentliche Grundfinanzierung der Hochschulen zunehmend verdrängt. 60,4 Prozent der Forschung wird heute über Drittmittel finanziert. Zum Vergleich: 1995 waren es noch 42,9 Prozent.

„Die Relation zwischen Drittmittel- und Grundfinanzierung ist vollkommen aus den Fugen geraten. Das führt zu großer Fragilität und Unsicherheit“, zeigte sich auch der Präsident der Humboldt Universität zu Berlin, Jan-Hendrik Olbertz überzeugt. Ein Ende der Befristungspraxis, die vor allem durch das Herumdoktern am laut Olbertz „kranken“ System, durch das zahlreiche Auflegen von befristeten Sonderprogrammen, hervorgerufen wird, ist aus Sicht des HU-Präsidenten nur durch eine „Revolution des Bund-Länder-Finanzsystems“ möglich. Also unter anderem durch die Abschaffung des Kooperationsverbotes, dass es dem Bund verbietet, strukturell in Bildung und Forschung zu investieren.

Dass es so nicht weitergehen kann, davon zeigte sich zuvor bereits die Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Jutta Allmendinger, überzeugt, die auf der Wissenschaftskonferenz den Eröffnungsvortrag hielt. Als sie damals, 1992, auf ihre Professur an der LMU München berufen worden sei, habe sie noch über eigene Forschungsmittel verfügt. Dies sei heute undenkbar. „Ich finde es verheerend, dass Universitätsprofessoren heute keine Mittel für eigene Forschungsvorhaben mehr zur Verfügung stehen und sie vollständig auf Drittmittel angewiesen sind“, kritisierte Allmendinger. Es sei ein „Unding“, alles über Drittmittel zu steuern. „Deswegen müssen wir die Forschungsgelder an die Hochschulen zurückholen und insbesondere den jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern endlich wieder mehr Zeit für eigene Forschung geben“.

Allmendinger sprach sich für eine Entlastung der promovierten Doktorandinnen und Doktoranden (Postdocs) in der Lehre aus. „Postdocs an Hochschulen verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit der Lehre und der Zuarbeit für ihre Professoren. Da bleibt wenig Zeit für das, was wissenschaftliche Reputation bringt: eigene Forschung, Publizieren und Auslandsaufenthalte“, machte die über den Wissenschaftsbereich hinaus bekannte Sozialwissenschaftlerin deutlich. 

Betroffen sind von den Unsicherheiten des Wissenschaftssystems ganz besonders die Wisenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich zwischen Promotion und Professur, also „zwischen Doktorhut und Katheder“, befinden. Wissenschaftliche Beschäftigte nach der Promotion, die über Qualifizierungsphasen, die 20 Jahre dauern, im Unklaren gelassen werden über ihre Zukunftsperspektiven. Dabei gibt es nur für jede beziehungsweise jeden Dritten der hochqualifizierten Postdocs überhaupt eine feste Stelle im System Hochschule, wie der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs zeigt. Wer zu den Glücklichen zählt, stellt sich allerdings erst spät heraus, eine Berufung erfolgt im Schnitt mit über 41 Jahren. All die, die es bis dahin nicht schaffen, haben dann, hochqualifiziert und in fortgeschrittenem Alter wie sie sind, kaum noch alternative Berufsperspektiven. 

GEW-Hochschul-Experte Keller fordert daher die Schaffung von Tenure-Track-Stellen für Postdocs, die transparente Qualifizierungsziele festlegen und – sollten diese erreicht werden – verbindlich in eine Festanstellung führen. Den Verweis der Hochschulen auf die mangelhafte Grundfinanzierung will Keller nicht gelten lassen. Schließlich schafften es auch Unternehmen, die sich ja ausschließlich von Drittmitteln finanzierten, unbefristete Stellen anzubieten. „Die Universitäten müssen endlich den Mut haben, auch mit Drittmitteln unbefristete Stellen zu schaffen“, forderte Keller. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft hält es für realistisch, dass 30 Prozent der Drittmittel von den Hochschulen für Dauerstellen eingesetzt werden könnten.

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