| Das Thema Bildung, insbesondere das Thema Schulreform für das Sommerloch zu nutzen, ist eine heikle Angelegenheit. Die betroffenen Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen befinden sich in den wohlverdienten Ferien, während sich die Politik hierzulande um das richtige Schulkonzept streitet. Gleichwohl: auch in zahlreichen anderen Bundesländern wird um Schulreformen, insbesondere um das längere gemeinsame Lernen gerungen. Die GEW Thüringen erklärt ihre Position im Streit zwischen Gemeinschaftsschule und Oberschule. | |
| | Schulstreit auch in Thüringen?
Das Thema Bildung, insbesondere das Thema Schulreform für das Sommerloch zu nutzen, ist eine heikle Angelegenheit. Die betroffenen Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen befinden sich in den wohlverdienten Ferien, während sich die Politik hierzulande um das richtige Schulkonzept streitet. Gleichwohl: auch in zahlreichen anderen Bundesländern wird um Schulreformen, insbesondere um das längere gemeinsame Lernen gerungen. Erst gestern haben sich die Hamburger Bürgerinnen und Bürger entschieden: Es wird in den nächsten zehn Jahren keine Primarschulen geben und damit kein längeres gemeinsames Lernen, nicht einmal bis zur sechsten Klasse. Gescheitert ist damit der ernsthafte Versuch, mehr Bildungsgerechtigkeit im reichen Stadtstaat herzustellen. Gesiegt hat offenbar die Angst der gut situierten Mittelschicht, den Anschluss „nach oben“ zu verpassen, wenn man sich zu sehr um „die da unten“ bemüht.
Die GEW Thüringen bedauert, dass durch den Volksentscheid in Hamburg die Chance auf diese wichtige Schulreform vertan wurde. Während in den meisten europäischen Ländern das gemeinsame Lernen bis mindestens zur sechsten Klasse Normalität ist, tut sich Deutschland mit der Schaffung dieser Möglichkeit schwer. Ulrich Thöne, Vorsitzender der GEW, warnt davor, die Hamburger Entscheidung zum Maßstabe für die Entwicklung in anderen Bundesländern zu machen.
Längeres gemeinsames Lernen Thüringen geht, zumindest auf freiwilliger Basis, tatsächlich einen anderen Weg als Hamburg: Die Landesregierung hat, wie im Koalitionsvertrag von CDU und SPD vereinbart, die Einführung der Gemeinschaftsschule beschlossen. Neben des gemeinsamen Lernens bis zur achten Klasse werden an der Thüringer Gemeinschaftsschule alle Abschlüsse möglich sein. Doch es gibt Streit. Der Koalitionspartner CDU fordert die Einführung einer Oberschule, also einer Regelschule , an der auch das Abitur möglich sein soll. Da bahnt sich nun doch der Schulstreit in Thüringen an. Auslöser des Thüringer Schulstreits ist der Versuch konservativer CDU-Politiker, die Einführung der Thüringer Gemeinschaftsschule mit allen Mitteln zu verhindern. Wie im Koalitionsvertrag der Thüringer Landesregierung vereinbart, wird mit dem Schuljahr 2010/2011 die Thüringer Gemeinschaftsschule auf freiwilliger Basis eingeführt. Sieben Einrichtungen starten in die Pilotphase, etwa 40 Schulen haben Interesse bekundet. Die GEW Thüringen hat von Anfang die Idee des längeren gemeinsamen Lernens begrüßt und dem Bildungsministerium für die Einführung der Thüringer Gemeinschaftsschule ihre Unterstützung zugesichert. Mit Blick auf die vor einigen Monaten von der CDU ins Spiel gebrachte Oberschule betont die GEW Thüringen nochmals, dass die Thüringer Gemeinschaftsschule einen ersten entscheidenden Schritt zur Überwindung der Selektion im Bildungssystem geht. Die bisherige Praxis der Schullaufbahnentscheidung am Ende der 4. Klasse verhindert gleichwertige Entwicklungschancen für alle Kinder. Wohlwissend, dass nicht nur kognitive Leistungen, sondern vor allem auch die soziale Herkunft über den Bildungsweg entscheiden, ist das längere gemeinsame Lernen ein wichtiges Mittel, Bildungschancen gerechter zu verteilen. Auch in der jüngsten, im Auftrag des BMBF von Prof. Baumert erstellten Studie: „Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule - Leistungsgerechtigkeit und regionale, soziale und ethnisch-kulturelle Disparitäten“ wird dies bestätigt und darüber hinaus nachgewiesen, dass dadurch auch kreative Potenziale aus allen sozialen Schichten unentdeckt und ungenutzt bleiben.
Lehren und Lernen vor Ort Mit der Einführung der Thüringer Gemeinschaftsschule sind die Probleme in den Schulen jedoch nicht gelöst. Im Entwurf des Thüringer Schulgesetzes werden Schulen verpflichtet, individuelle Förderung und Binnendifferenzierung im Unterricht umzusetzen. Was da schwarz auf weiß geschrieben steht, klingt gut, muss aber auch gekonnt sein. Viele Lehrerinnen und Lehrer wissen nicht, wie sie mit den gegebenen Voraussetzungen diese pädagogischen Ansprüche erfüllen sollen, es fehlt ihnen an Qualifizierung und Unterstützung vor Ort. Die GEW Thüringen fordert daher, bei der Einführung der Thüringer Gemeinschaftsschule auch die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte in den Blick zu nehmen und Mittel für die Qualifizierung und pädagogische Unterstützung bereitzustellen.
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