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Nicaragua - ein faszinierender Schock

Seitenabschnitte:
Ein Besuch bei guten Freunden in Nicaragua
Ein volles Besuchsprogramm
Das GEW Projekt in Boaco - Besuch am 24.06.04


Nicaragua - was weiß ich eigentlich über dieses Land, seine Menschen und seine Natur?
Das war die erste Frage, die mir durch den Kopf ging, als ich das Angebot bekam, mit einer GEW Delegation vom 22. Juni bis 04. Juli 2004 dorthin zu fahren.
Solidarität mit Nicaragua, einem Land sozialistischer Prägung vor den Toren der USA, das war natürlich für mich als Schüler und Lehrer einer POS eine Selbstverständlichkeit. Aber auch dort änderten sich 1990 die politischen Verhältnisse gravierend.
Die nächste Berührung mit Nicaragua gab es 1992, als an den GEW Kreisverband Jena die Bitte heran getragen wurde, ein Gewerkschaftsprojekt in Boaco finanziell zu unterstützen. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge Beziehung.
Trotzdem war Nicaragua für mich weit weg, es war anonym.
Seit meinem Besuch hat die Unterstützung der GEW Namen und Gesichter und damit für mich persönlich einen ganz anderen Stellenwert. Ich betrachte nun die Summe auf unserem Soli-Konto mit ganz anderen Augen, weil ich gesehen habe, was mit diesem Geld auf die Beine gestellt wurde und weil ich ehrliche Dankbarkeit bei unseren Partnern und Freunden in Boaco aber auch in den anderen Orten, die wir besucht haben, gespürt habe.


Ein Besuch bei guten Freunden in Nicaragua




Der offizielle Anlass für unseren Besuch in Nicaragua war die Feier zum 25. Jahrestag unserer Partnergewerkschaft CGTEN ANDEN.
Sie wurde am 04. Februar 1979 als Gewerkschaft ANDEN in der Universtät von Managua gegründet. Es war noch die Zeit der Somosa-Diktatur, d.h. die Gründung war nicht nur illegal sondern für die Beteiligten auch höchst gefährlich. Von Anfang an stand der Kampf um die Rechte und die Arbeitsbedingungen der Lehrer im Bildungswesen ganz oben auf der Agenda. Aber auch die Bildungspolitik spielt eine bedeutsame Rolle. In einem Land, in der der überwiegende Teil der Bevölkerung weder Schreiben noch Lesen konnte.
Nach dem die Alphabetisierungskampagne der sandinistischen Regierung zwischenzeitlich die Analphabetenquote fast auf Null gebracht hatte, sind es offiziell wieder 19,8 % der Bevölkerung, die nicht schreiben, lesen und rechnen können. Inoffiziell geht man aber wohl von 30% aus.
Interessant ist auch, dass die Regierung keine konkrete Aussage treffen kann, wieviel Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen tatsächlich beschäftigt sind. Die Angaben schwanken zwischen 30.000 und 35.000. Davon sind rund 60% bei CGTEN ANDEN organisiert. Neben CGTEN ANDEN gibt es noch 21 andere gewerkschaftliche Organisationen im Bereich des Schulwesens. Einige davon sind Gründungen der Arbeitgeberseite, was wohl ihren Zweck eindeutig beschreibt. Die Beschäftigten im Bereich der Hochschulen sind übrigens nicht in ANDEN organisiert. Sie haben eine eigene Gewerkschaft.
Interessant und bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass 50% der 5,2 Millionen Einwohner Nicaraguas unter 35 Jahre alt sind.


CGTEN - Confederación General de Trabajadores
de la Educación de Nicaragua
(Allgemeine Konföderation der Beschäftigten im Bildungswesen von Nicaragua)

ANDEN - Asociación Nacional de Educadores de
Nicaragua ,
(Nationale Vereinigung der Lehrer Nicaraguas)

Die frühere Bezeichnung ANDEN wird an eigentlichen Namen CGTEN angehängt, wegen des Wiedererkennungswertes.




 nic-anden-schule.pps
 Nicaragua - Bildung im Würgegriff von IWF und Weltbank
Infos über das Bildungssystem und die Gewerkschaft CGTEN ANDEN
(Powerpoint-Datei; 1,4 MB)



Ein volles Besuchsprogramm







Neben dem Besuch des Festaktes anlässlich des Gewerkschaftsjubiläums standen noch zahlreiche Besuche von Einrichtungen, Institutionen, Partnern und Projekten auf dem Programm. Es war also richtiger Stress angesagt.
Am 22.06.2004 (fast pünktlich) um 11.40 Uhr startete die GEW Delegation von Frankfurt nach Caracas (Venezuela). Von dort ging es über Panama City nach Managua. Um 20.15 Uhr Ortszeit (in Deutschland also am 23.06.04 um 04.15 Uhr) landeten wir pünktlich in Managua. Dort wurden wir von Jose Antonio Zepeta (Vorsitzender von CGTEN ANDEN) und Lionel (unser Fahrer, leider weiß ich nicht mal seinen vollen Namen) empfangen und ins Hotel D' Lido - unser "Basislager" - gebracht.


Bereits am 23.06. startete unser offizielles Programm mit einem Besuch bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Managua. Die anschließende Stadtrundfahrt vermittelte mir erste Eindrücke von der Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit des Landes. Neben prächtigen Bauten des Parlamentes und des Präsidenten gibt es zahllose Wellblech- oder Holzhütten der armen Bevölkerung. Ein großer Teil der Stadt ist nach dem Erdbeben von 1972 nicht wieder aufgebaut worden, Wahrzeichen dafür ist die Ruine der alten Katedrale. In diesen Trümmern leben heute Menschen. Zwischen 60 % und 70 % der Bevölkerung ist arbeitslos. Besonders katastrophal ist die Lage in den ländlichen Gebieten. Die Folge ist eine starke Zuwanderung nach Managua, in der Hoffnung, vielleicht in der Hauptstadt Arbeit zu finden, ein Traum der selten in Erfüllung geht. Eine Entwicklung, die ja in allen Zentral- und Südamerikanischen Hauptstädten zu beobachten ist. Das Bevölkerungswachstum in Managua ist so rasant, dass die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen (Stromversorgung, Wasser- und Abwassersystems etc.) weit hinterher hängen. Eine Folge ist, dass der Managuasee, der zweitgrößte Binnensee Nicaraguas, durch die Abwässer der Stadt biologisch tot ist.
Auffällig außerdem, überall liegt Müll in Massen.


Zum allgegenwärtigen Bild auf den Straßen Managuas (und auch anderer Städte) gehören die Straßenhändler. Hautmarktplätze sind Straßenkreuzungen. An einer roten Ampel kann man von einem Beutel Wasser über Handy's bis hin zum Auspuff alles im Auto kaufen und nebenbei werden noch die Windschutzscheibe und die Schuhe geputzt. Man hat den Eindruck, dass jeder versucht, jedem etwas zu verkaufen. An diesen Kreuzungen oder auf öffentlichen Plätzen ist der Arbeitsplatz der Kinder. Sie müssen damit zur Ernährung der Familien beitragen und da bleibt für Schule keine Zeit.
Wenn man das Auto oder den Bus verlässt, ist man sofort umringt von Kindern. Freundliche, lächelnde Kinder mit riesengroßen, neugierigen Augen, die betteln müssen - das macht traurig und wütend zugleich. Auch das sind die Gesichter, die unsere Unterstützung für Nicaragua durch meinen Besuch für mich bekommen hat.
Verlässt man die Hauptstadt Managua, bekommt man das andere Extrem des Landes zu sehen oder zu bestaunen. Eine faszinierende Landschaft. Weite Ebenen, steile Berge, riesige Seen, tropischer Regenwald und kilometerlange einsame Sandstrände am Pazifik oder am Atlantik oder am Ufer des Nicaraguasees. Der Nicaraguasee ist der größte Binnen(Süsswasser)see Nicaraguas. Seine Fläche ist 18 mal so groß wie der Bodensee. Das Wasser ist (im Gegensatz zum Managuasee) sauber und hat fast die Temperatur des Wassers in der Badewanne. Die Temperatur pendelte zwischen 25oC und 30oC und das im Winter und in der Regenzeit. Prägend für die Landschaft Nicaraguas, zumindest im westlichen Teil ist das Band von 15 Vulkanen (7 aktive und 8 erloschene), dass sich paralell zur Pazifiküste durch das ganz Land zieht.

Einen kleinen Eindruck in diese Widersprüchlichkeit geben vielleicht die Bilder.


Das Besuchsprogramm unserer GEW Delegation:


22.06.04

20.15 Uhr Ortszeit - Ankuft in Managua

23.06.04

Besuch bei der Friedrich-Ebert-Stiftung
Rundfahrt durch Managua
Fussball EM: Tschechien - Deutschland
Erste Gespräche mit CGTEN ANDEN

24.06.04

Besuch in Boaco

25.06.04

Gespräch mit dem Arbeitsminister
Gespräch mit dem Landesvorstand von ANDEN

26.06.04

Festakt zum 25. Jahrestag von ANDEN

27.06.04

Fahrt nach Granada
Besuch einer Kunstschule, die von einem österr. Verein getragen wird

28.06.04

Fahrt nach Leon
3 h Erholung am Strand von Poneloya (Pazifik)
Festakt 20 Jahre Partnerschaft Leon - Hamburg

29.06.04

Fahrt in den Norden - Okutal
Gespräch mit dortigem Vorstand von ANDEN
Besuch einer Feier zum Lehrertag

30.06.04

Fahrt nach Esteli - Zentrum des Tabakanbaus
Besuch der Universität und der Zigarrenfabrik

01.07.04

Zwei Tage auf der Insel Ometepe im
Nicaraguasee

02.07.04

Abends: Abschlussfeier mit CGTEN ANDEN

03.07.04

Besuch von Vulkan und Markt von Masaya

04.07.04

07:35 Uhr Beginn des Rückflugs
Unfreiwillige Übernachtung in Caracas

06.07.04

08.40 Ankunft in Frankfurt , 24 h zu spät



Das GEW Projekt in Boaco - Besuch am 24.06.04




Der Ausgangspunkt: Zu unserer Landesvertreterversammlung 1998 in Weimar - Legefeld hatten wir Besuch aus Boaco. Die damalige Vorsitzende unserer Partnergewerkschaft CGTEN - ANDEN, berichtete uns vom Vorhaben unserer Freunde aus Boaco, für die Kleinsten eine Vorschule zu errichten, um ihnen die Chance auf eine gute Schulbildung geben zu können. Zahlreiche Kreis-, Betriebs- und Regionalverbände spendeten über 25.000,- DM zum Aufbau dieser Schule.
Im Frühjahr 2000 wurde dann diese Vorschule eingeweiht und sie funktioniert heute noch. Trotz Ferien waren alle 40 Kinder und viele Eltern gekommen, uns zu begrüßen. Für ihre Kinder ist es die einzige Chance, in Boaco eine Vorschule zu besuchen, täglich mit einem Mittagessen versorgt zu werden und auch am Nachmittag betreut zu werden.

Im Verlauf des Gesprächs mit Francisko (Landesvorsitzender der CGTEN ANDEN Boaco) und Mitgliedern des Stadtverbandes von ANDEN Boaco wurde der Wunsch an uns heran getragen, die Sanierung des Gewerkschaftshauses und der Vorschule zu unterstützen. Insbesondere das Dach ist nicht mehr dicht. Da ich das Gebäude gesehen habe, kann ich nur bestätigen, dass eine Sanierung dringend notwendig ist. Es liegt eine Zeichnung und ein Kostenvoranschlag vor. Für den Umbau des Daches, den Ersatz morscher Holzbalken, den Einbau eines abschließbaren Büros (für den Computer) und die Sanierung der Toiletten sind laut vorliegendem Angebot 6000,- US Dollar notwendig. In der Zentrale von CGTEN ANDEN stehen aus unseren Soli - Mitteln noch rund 2900,- US Dollar zur Verfügung.

In einem kleinen Festakt wurde der GEW Thüringen vom Bürgermeister der Stadt Boaco (vom Status vergleichbar mit Erfurt, eine Landeshauptstadt) zum Dank für die Errichtung dieser Vorschule eine Tafel überreicht. Sie hängt in unserer Geschäftsstelle und der Text endet mit den Worten:
"Por siempre agadecidos - Profesores de Boaco"
("In ewiger Dankbarkeit - die Lehrer von Boaco")





12 Jahre Hilfe zur Selbsthilfe
Chronik einer Freundschaft


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Sommertreffens haben am 09.07.04 spontan über 300,- € für dieses Projekt gespendet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Leserinnen und Leser,

ich bitte Sie: Unterstützen Sie mit einer Spende unser Projekt in Boaco. Helfen Sie den Kindern, die diese Vorschule besuchen. Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Geld nur für diesen Zweck eingesetzt wird.

Jede Spende zählt!

Vielen Dank
Jürgen Röhreich
Landesvorsitzender der GEW Thüringen


Spenden für das Projekt "Boaco" können auf das
GEW - Spendenkonto 1934182700
BLZ 86010111 bei der SEB AG Leipzig
(Kontoinhaber: GEW-Landesverband Thüringen)
eingezahlt werden.


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