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Debatte zum Entwurf der neuen Thüringer Schulordnung

„Irgendwann muss man anfangen!“

Die Veröffentlichung der vollständigen Ergebnisse unserer Meinungserhebung zum Entwurf der Änderung der Thüringer Schulordnung erfolgt am 18.04.2011 an dieser Stelle.


Unterseiten:

Ergebnisse der Meinungserhebung



Vorabveröffentlichung eines Artikel aus der tz 5/2011


Seit dem 11. März wird in Thüringens Schulen heftig diskutiert. Nach der Verabschiedung des neuen Schulgesetzes Ende 2010, das u.a. der Thüringer Gemeinschaftsschule ihren rechtlichen Rahmen gab und individuelle Förderung als verbindliches Prinzip der Schulwirklichkeit festschrieb, veröffentlichte das TMBWK seinen Entwurf der neuen Schulordnung. Leider, so meinen die Kolleginnen und Kollegen, nur über die Presse und die Internetseiten des Ministeriums. Zur Diskussion eingeladen fühlten sie dadurch nicht. Doch die Debatte ließ nicht lange auf sich warten.

Während einige auf Stimmungsmache setzten, machte sich die GEW Thüringen für eine sachliche Auseinandersetzung stark. Bereits am Anfang des Jahres stand fest, am 8. April eine Bildungskonferenz zum Thema „Längeres gemeinsames Lernen als Weg zu mehr Chancengerechtigkeit“ in Jena durchzuführen. Im Mittelpunkt sollte dabei die Frage nach der Umsetzung des Schulgesetzes stehen. Aufgrund der zahlreichen Rückmeldungen zum Entwurf der Schulordnung rief die GEW Thüringen zudem am 23. März die Kolleginnen und Kollegen zu einer Onlinebefragung auf. Ingesamt 25 Fragen zu den wesentlichen Änderungen, aber auch zu den Bedingungen vor Ort waren zu beantworten. Mehr als 1.700 Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und sozialpädagogische Fachkräfte, aber auch Eltern, Interessierte und Schulleiter nahmen an der Befragung teil. Für die GEW nicht nur ein großer Erfolg, sondern auch eine wichtige Basis für die Erarbeitung der Stellungnahme zum Entwurf und Grundlage für die weiteren Gespräche mit dem Ministerium.


Hier einige Zwischenergebnisse der Umfrage:








Die Debatte ist in der Tat keine einfache. Auf der einen Seite werden die mit dem Entwurf verbundenen schulpolitischen Ziele Längeres gemeinsames Lernen und individuelle Förderung von der Mehrzahl der Befragten prinzipiell unterstützt. Auf der anderen Seite stehen aber die Bedingungen vor Ort und die geplante Verbindlichkeit der altersgemischten Schuleingangsphase und die individuelle Schulausgangsphase in der Kritik. Dass die vorgesehenen Änderungen laut dem Entwurf keine Kosten verursachen sollen, ist für die Kolleginnen und Kollegen der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Gute Bildung, so die einhellige Meinung, braucht Investitionen. Nicht nur, aber vor allem in junges, gut qualifiziertes Personal und in die räumlichen und sächlichen Ressourcen, um die begrüßenswerten bildungspolitischen Ziele auch wirklich in die Tat umsetzen zu können.





Es stehen viele Fragen im Raum, die u.a. im Rahmen der Bildungskonferenz am 8. April auch an Bildungsstaatssekretär Prof. Dr. Roland Merten gestellt wurden. Irgendwann muss man anfangen, verteidigte Merten den Entwurf und erklärte zugleich, die laufende Diskussion sei notwendig und hilfreich. Auch Bildungsminister Christoph Matschie, während einer Fragerunde am 8. April, sagte zu, die kritischen Anmerkungen aus den Lehrerkollegien zu berücksichtigen und für die Umsetzung, bspw. der jahrgangsgemischten Schuleingangsphase mehr Zeit einzuräumen.


Vortrag zur GEW-Bildungskonferenz am 08.04.2010

 Bildungskonferenz_der_GEW_Thueringen_08042011.swf
 Vortrag auf der GEW-Bildungskonferenz am 08.04.2011
mit ersten Ergebnissen unserer Meinungserhebung
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Recht kurzfristig hat das TMBWK zu einer Lehrerkonferenz nach Erfurt eingeladen. Schwerpunkte der Konferenz waren die Themen „jahrgangsgemischte Schuleingangsphase“, „verbale Leistungseinschätzung“ und „Versetzung/Aufrücken“. Rund 600 Lehrerinnen und Lehrer waren der Einladung gefolgt. Die GEW Thüringen empfing die Teilnehmenden mit den Ergebnissen der Onlinebefragung und dem Forderungspapier, dessen Titel auch ein Statement zur laufenden Debatte ist: Tempo raus – Demokratie rein. Berichte aus der Lehrerkonferenz zeichnen, wenig überraschend, ein differenziertes Bild. Minister Matschie und Bildungsstaatssekretär Merten wirken angeschlagen, überrollt von solch fundamentaler Kritik und verweisen darauf, dass viele der Probleme, die die Kolleginnen und Kollegen schildern, das Ergebnis vergangener Schulpolitik ist. Gleichzeitig wird ihnen Mut attestiert, sich einer solchen öffentlichen Auseinandersetzung zu stellen. Denn dies ist erstmalig der Fall, wenn auch der Weg dorthin etwas holperig war.

Am Ende der Lehrerkonferenz, wie auch schon auf der Bildungskonferenz der GEW Thüringen, macht Minister Matschie klar: Der Entwurf ist ein Vorschlag. Die vorgeschlagenen Zeiträume für die Umsetzung werde man überdenken, an den Zielen aber festhalten.

Irgendwann muss man anfangen. Das gilt sowohl für das Bildungsministerium als für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Neue Ansätze, neue Anforderungen müssen Eingang in den Schulalltag finden, wenn Schulen Kinder und Jugendliche auf das Leben, auf Arbeit und Demokratie vorbereiten wollen. Und anfangen heißt dann auch, alles Notwendige auf der politischen Ebene zu tun, diesen sich verändernden Anforderungen die erforderlichen Ressourcen gegenüber zu stellen und den Vorgaben des Finanzministers Widerstand zu leisten. Denn, dass zumindest steht nach allen Diskussionen fest: Gute Schule gibt es nicht zum Nulltarif. Und dafür wird sich die GEW Thüringen wie bisher mit aller Kraft einsetzen!

Kathrin Vitzthum


Wesentliche Eckpunkte der GEW-Stellungnahme

Altersgemischte Schuleingangsphase

Keine verbindliche Einführung ohne bestimmte Rahmenbedingungen, z. B. zusätzliche Ressourcen/Stunden für jahrgangsgemischtes Arbeiten, mindestens wie beim Modellversuch oder den anschließenden Projekten sowie die Notwendigkeit eines Mehrpädagogensystems.

Individuelle Förderung

Gestaltungsspielräume der VVO dürfen durch die Schulordnung nicht eingeschränkt werden. Notwendig ist ein Fortbildungskonzept, damit Lehrer/innen und Erzieher/innen grundlegende Kompetenzen für die Veränderung der eigenen Praxis im Bereich des individualisierten Lernens in heterogenen Gruppen erhalten bzw. ihre bisherigen Kenntnisse erweitern. Dazu gehören z. B. Diagnose von Entwicklungsständen, Lernpotenzialen, Lernhindernissen und Lernfortschritten sowie differenzierte, methodische und didaktische Modelle der individuellen Förderung.

Versetzung/Nichtversetzung

Es ist zu befürchten, dass Schüler/innen, die das Klassenziel in Klasse 3, 5 und 7 nicht erreichen, aber automatisch in die Klasse 4, 6 und 8 aufrücken, ihre Leistungsdefizite nicht ausgegleichen werden, sondern in die nächsthöhere Klassenstufe mitgenommen werden. Es ist nicht klar, wie die spezifische Förderung in der Praxis durchgeführt werden soll und wer dafür verantwortlich ist.

Individuelle Abschlussphase

Die Umfrage der GEW und Diskussion zur Bildungskonferenz am 8. April zeigen aber, dass Kolleg/innen keine konkreten Vorstellungen haben, wie das in der Praxis umgesetzt werden soll. Deshalb ist ein spezielles Umsetzungskonzept an den betreffenden Schulen unter Einbeziehung der Erfahrungen der Berufsbildenden Schulen erforderlich.



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